9. Ich bin der Welt abhanden gekommen
- Sybille
- 9. Dez. 2022
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Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh’ in einem stillen Gebiet!
Ich leb’ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Friedrich Rückert (1788-1866)

"Das Gedicht kommt ohne balladeske Handlungen und kühne Metaphern aus. Die einfachen Wendungen sind zeitlos und kreisen um das lyrische Ich, das wie auf einer Insel zu leben scheint. Die Weltabkehr erinnert an das Ideal klösterlichen Lebens oder den romantischen Taugenichts, der für praktische Zwecke nicht zu gebrauchen ist. Das Wort „Abhandenkommen“ deutet dabei auf einen wortlosen Vorgang und nicht auf den Protest eines Aussteigers. Der Mensch, der sich der urbanen Geschäftigkeit, dem „Weltgewimmel“, entzieht, scheint in einer anderen Zeit und Wirklichkeit zu Hause und nur dort ganz bei sich zu sein. Dabei verweisen die letzten Zeilen auf die Sphäre, in der dies möglich ist: Eine himmlischeRuhe, in der sich die Wirklichkeit zur Poesie und das Leben zur Liebe verwandelt hat. Dieses Glück hat nichts mit den üblichen Zielen der Gesellschaft wie Fortschritt und Gemeinwohl zu tun, so dass es sich für Ulrich Karthaus als bürgerlicher Tod begreifen lässt. Mögen die Verse auf den ersten Blick einfach wirken, deuten sie doch auf ein tiefliegendes Problem: Die Sehnsucht des Menschen nach Übereinstimmung mit sich selbst, die sich hier bereits Anfang des 19. Jahrhunderts zeigt." Wikipedia-Eintrag
Die Vertonung von Gustav Mahler, gesungen von der sonst so majestätischen Jessye Norman, die hier hier ganz zurückhaltend intoniert, war für mich DER Titel im ersten Lockdown 2020 - wir waren ja alle ein bisschen Einsiedler, oder?




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