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4. Die blassen Herren mit den Mokkatassen




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die blassen / Herren mit den Mokkatassen am / Hut hat jeder eine Zündschnur ein / Edelweiß und eine Vogelfeder einer sagt: wir reden / hier nicht nur fundiert über die Fuchsjagd ...

Herta Müller











Die Musik des heutigen Tages ist Peace Piece von Bill Evans, gespielt von Igor Levit.

Über Herta Müllers Lyrik:

"Also "Mokkatassen" ist ja auch ein zu schönes Wort, rein optisch. Und wenn man es eine Minute vor sich her spricht, klingts wie Musik, man könnte dazu beatboxen. "Herren" muß man Fränkisch oder Österreichisch aussprechen, denk ich mir, damit es zur Geltung kommt. . . Und dieserart kann es Wort für Wort weitergehen, denn die Gedichte, welche die nachmalige Literatur-Nobelpreisträgerin im Buch versammelt hat, kommen daher wie Erpresserbriefe: Collagen Wort für Wort, geschnipselt, geklebt, grafisch durchdacht versteht sich. Es dauert einen Moment, bis man sich eingewöhnt hat.


Worüber schreibt Herta Müller? Nun, ganz wie ein Erpresserbrief fordert auch ihre Lyrik etwas, sie setzt den Leser in eine Skepsis und Distanz, sie macht ihn zum Opfer und zum Inspektor, bis... Ja "bis". Die kurzen Texte besitzen eine Gabe und nicht selten ist man überrascht, die Abstraktion an einem unbestimmten Punkt überwunden zu haben und ertappt sich dabei, sich mit dem Erpresser zu identifizieren. Eine Art Stockholm-Syndrom das anschließend wieder forttherapiert werden muß. Inhaltlich sind es meist Erschütterungen, die Müller hervorzieht, Weichen in Lebenswegen, Liebes- und Leidmomente, Zufälligkeiten, allesamt in surreale, manchmal verspielte, immer jedoch "beruhigte" Retrospektiven verpackt. Ruhig, weise und beinah kühl werden hier die Leichen aus dem Keller geholt, verpaßte Gelegenheiten seziert, Allzumenschliches pointiert. Hintenrum durchs Genick.


Hin und wieder nervt es, daß Herta Müller ständig diese Art Haken schlägt. Haken, Ecken, Fransen, Stufen - all das ist kantig und hart, vielleicht wie unsere Zeit, wie moderne Architektur, wie Funktionalismus, nur auf einer anderen Ebene. Damit reiht sie sich in die moderne Poesie ein (Exkurs), von der ich manchmal denke, daß ihr das Mäandern und der musikalische Fluß abgeht, aus dem sie gewachsen ist. Mit anderen Worten: Sie will weniger im Gefühl denn in Gedanken wachsen und wachen. Weniger in der Bewegung als in der Betrachtung (Exkurs Ende). Das mag man finden wie beliebt. Natürlich spielt Müller verschiedene Töne, nie ist sie laut, jedoch stets direkt, gefeilt oder rauh; eindeutiger Klang vom ersten bis zum letzten Moment. Natürlich ist Müller auch Profi und hintertreibt genau dies. Und sie reimt. Dankenswerter Weise ist bei ihr der Klang nicht bloß Klammer der Konstruktion.(Amazon-Kritik)


 
 
 

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