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4. Bittersüß und sehr deutsch

Sehnsucht ist ein bittersüßes Gefühl und als solches ein Konzept der deutschsprachigen und europäischen Literatur.

„Amerikaner entwickeln zwar auch Sehnsüchte“, sagt Susanne Scheibe von der Universität im kalifornischen Stanford, „aber für sie sind Sehnsüchte weniger stark utopisch geprägt.“ Sprich: Vor dem Hintergrund der Anything-Goes-Mentalität empfinden Amerikaner ihre Sehnsüchte als noch erreichbar. Das zeigen erste Studien der ehemaligen Max-Planck-Forscherin und ihrer Kollegen. Zudem haben Amerikaner eher unklare Vorstellungen des Begriffs Sehnsucht – ein Beleg dafür, dass es im Englischen keine wirklich passende Übersetzung gibt. Konkrete Sehnsüchte allerdings können Amerikaner genauso wie Deutsche aufzählen. Auch die Inhalte ähneln sich, wenngleich Amerikaner häufig religiöse Sehnsüchte angeben, anders als Probanden in Deutschland.


So erklärt eine britische Musikseite das Wort Sehnsucht:

“A German concept that situates joy within the ineffable realm of ache, longing, and nostalgia (often mysterious nostalgia for places you’ve never been), sehnsucht is an idea less understood than felt. It’s the feeling of encountering something so beautiful—a stirring symphony, scenic sunset, laughter and long conversation with friends—that your heart feels paradoxically full to the brim and reminded of its restlessness. It has less to do with logic than our loves.“ https://www.thegospelcoalition.org/article/blue-flower-gray-havens-sehnsucht/

Die heutige Musik ist der III. Satz aus Schuberts Sonate Nr. 21 D 960, dem letzten Werk Schuberts und deshalb dasjenige Klavierwerk Schuberts, das am meisten vom Nimbus eines „Schwanengesangs“ umgeben ist.


Für Robert Schumann waren sie dort angesiedelt, „wo die Phantasie durch das traurige ‚Allerletzte‘ nun einmal vom Gedanken des nahen Scheidens erfüllt ist“. Die erhaltenen Skizzen beweisen allerdings, dass sich Schubert ungewöhnlich lange mit diesen Sonaten beschäftigte, sie also schon skizziert hatte, lange bevor im September 1828 erste Anzeichen seiner Todeskrankheit auftraten. Tod und Trauer, wie sie aus den Mittelsätzen und den Durchführungspartien dieser Werke zu sprechen scheinen, gehörten vielmehr seit seiner Jugend zu seinen bevorzugten Themen, die nicht unmittelbar mit dem eigenen Schicksal verknüpft waren. Außerdem sollte man die Züge zum Grotesken und Doppelbödigen in diesen späten Werken nicht verkennen.


Der dritte Satz bringt zu den betont ruhigen und sehr ausgedehnten ersten Sätzen einen lebhaften Kontrast. Es ist ein leichtfüßiges Scherzo, con delicatezza zu spielen, mitunter sogar von Anklängen an die Musik Carl Maria von Webers durchzogen, dessen Freischütz Schubert bewunderte. Das b-Moll-Trio setzt dazu in nur 32 Takten einen stillen, versonnenen Kontrapunkt.


Gehört habe ich diese Sonate im September bei einem Konzert im kleinen Saal der Elbphilhamonie mit dem jungen koreanischen Pianisten Dasol Kim. Dessen Aufnahme ist bei Spotify zu hören und kann durchaus gefallen. Die Version von Krystian Zimerman ist dann aber doch spritziger, freier in den Tempi und sei darum hier vorgestellt.






 
 
 

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